Verfasst von: stephandreytza | 01/05/2011

Könnte es sein, dass Nazis auch Menschen sind? Ein Kommentar.

[Den Podcast dazu gibt es hier.]

Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun. Schlägt dich jemand auf die eine Wange, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand deine Jacke, dann lass ihm auch dein T-Shirt.“

Diese Worte von Jesus haben am heutigen Tag eine besonders hohe Brisanz. Denn für heute ist das Feindbild glasklar: die Nazis. Sie stehen deutschlandweit vielen Menschen gegenüber, die die Aufmärsche von Rechtsextremisten verhindern wollen. So auch in Greifswald. Wenn auch die Wenigsten bisher von Nazis tätlich angegriffen wurden, ist ganz klar, warum die Demo-Teilnehmer und auch ich die Nazis in Greifswald nicht wollen: Die menschenverachtende Ideologie, die Gewaltbereitschaft und der hemmungslose Geschichtsrevisionismus lassen die feste Überzeugung aufkommen: Nazis sind Feinde unserer Gesellschaft. Und deshalb auch Feinde von uns und Feinde von mir. Das ist nur logisch und konsequent!

Leider hat das manchmal auch problematische Folgen: So meint der ein oder andere, es wäre angemessen oder sogar hilfreich, die Nazis mit lauten Worten oder leisen Gedanken auf das Übelste zu beschimpfen. Und zwar derart zu beschimpfen, dass man sich fragen muss, ob Nazis denn gar keine Menschenwürde mehr haben. Denn bei den Beleidigungen scheint es keine Tabus mehr zu geben. Wenn man sich diese Tage durchs Internet klickt, ist die Rede von „Drecksnazis“, von tierischen Vergleichen wie: „Was ist braun, riecht nach scheiße und ist blöd wie ein stein? Nur ein dummes nazischwein“ uvm.

Es ist nachvollziehbar, dass Nazis auf das Übelste beschimpft werden. Gerade wenn man Menschen kennt, die unter deren Gewalt und Ideologie zu leiden hatten oder immer noch zu leiden haben. Man denke nur an das Leid, das über viele Familien kommt, wenn ein Kind Nazi wird und dessen Eltern dem machtlos zusehen müssen. Da kann mit gutem Grund ein gewaltiger Hass auf Nazis entstehen.

Trotzdem gesteht unser Grundgesetz auch den Nazis Menschenwürde zu. Das muss man bedenken. Und ich weiß, manche zucken vielleicht schon bei diesen Worten! Kommt jetzt eine Relativierung der Nazi-Ideologie? Vielleicht denken Sie: Will mir der Typ im Radio gerade erklären, dass Nazis gar nicht so schlimm sind? Und dafür noch christliche Worte missbrauchen?? Oder sie sind selber Anhänger von braunem Gedankengut und scharren schon mit der Hufe, weil sie hoffen, das jetzt vielleicht endlich mal jemand sagt, dass Nazis halb so wild sind? Aber die einen kann ich beruhigen, die andern enttäusche ich ohne schlechtes Gewissen: Keineswegs will ich die Gefahr, die von Nazis ausgeht, in irgendeiner Form relativieren.

Aber ich möchte das Jesus-Wort in diese aufgeladene Situation dazwischen stellen. Es liegt nämlich völlig quer zu allen Bestrebungen, dem aufgestauten Hass in Gedanken und Taten freien Lauf zu lassen. Denn Jesus sagt: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen“ Wenn ich das höre, muss ich an die Nazis denken. Denn es ist ziemlich offensichtlich, dass viele von ihnen aus verschiedenen Gründen unsere Gesellschaft abgrundtief hassen.

Aber Jesus fordert auf: „Segnet die, die euch verfluchen; Betet für die, die euch Böses tun. Also: wünscht denen Gutes, die euch nicht im Ansatz etwas Gutes wünschen. Ruft zu Gott für eure Feinde! Äh, wie bitte? Wünscht euren Feinden Gutes und ruft zu Gott für eure Feinde? Das scheint gegen jede Vernunft zu sein! Menschen sind anders gebaut: Wer mal vermöbelt worden ist, möchte seinen Feinden doch eine Tracht Prügel verpassen. Auf jeden Fall spätestens dann, wenn man wieder in der Überzahl ist. Doch da liegt das Jesus-Wort wieder völlig quer: „Schlägt dich jemand auf die eine Wange, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand deine Jacke, dann lass ihm auch das T-Shirt.“ Jesus ruft dazu auf, die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Das ist fast unmöglich. Aber im christlichen Glauben nennt man das Feindesliebe. Sie lebt aus dem Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Denn Gott liebt ihn auch! Und da gehört auch der Feind dazu.

Auch der Feind ist von Gott geliebt! Dieser Glaube und dieses Denken verändern den Blick. Auch den Blick auf die Nazis in Greifswald und den anderen Städten heute. Man unterscheidet dann zwischen der Sache und der Person, der Tat und dem Täter oder theologisch gesagt, der Sünde und dem Sünder. Man sagt dann: Gott hasst die Sünde, aber liebt den Sünder. Und deshalb unterscheidet man dann zwischen der menschenverachtenden Ideologie, den laut gegrölten Parolen, den gewaltsamen Übergriffen auf Ausländer, dezidierte Nazi-Gegner und Polizisten auf der einen Seite, und dem jungen Mann im Nazi-Look, der seinen Hass nicht zurückhalten kann und will, der von Gott aber geliebt ist, auf der anderen Seite. Dadurch wird Unrecht nicht gut geheißen. Man hat deshalb nicht den Mund zu halten, wenn man Unrecht sieht. Aber man öffnet seinen Mund anders. Nicht verachtend, sondern erschüttert. Und man ist so erschüttert über die Fremdenfeindlichkeit, dass man angetrieben wird, für die Nazis zu beten. Zu beten, dass sie von Gottes Liebe grenzenlos überschüttet werden und sehen dürfen, dass sie geliebt sind. Dass die Hassspirale beendet werden kann.

Ich weiß: Nicht jeder glaubt an Gott und möchte von Feindesliebe reden. Aber es ist vernünftig, der Verachtung der Nazis für andere Menschen nicht ebenfalls mit Verachtung und Beleidigungen zu begegnen. Denn über folgendes bin ich mir ziemlich sicher: Je mehr Hass den Nazis entgegenschlägt, umso mehr werden sie in ihrem Denken und ihren Gruppen bleiben. Je mehr Hass den Nazis entgegenschlägt, umso mehr werden sie sich für die NPD und Konsorten engagieren. Deshalb muss ihnen gleichzeitig signalisiert werden: Ihr seid auch Menschen und das erkennen wir an, auch wenn wir euch in der Sache hart widerstehen! Und wenn ihr aussteigt, empfangen wir euch mit offenen Armen!

Jesus hat den Satz: „Liebt eure Feinde“ konsequent gelebt. Als er ans Kreuz genagelt wurde, hat er sogar noch gebetet, dass Gott seinen Peinigern vergibt. Auch wenn ich vermutlich nie gekreuzigt werde: Feindesliebe ist trotzdem ein Vorbild und es lohnt sich heute schon damit anzufangen.

Herzlichen Dank an alle, die heute demonstrieren und gezeigt haben, dass Nazi-Ideologie in Greifswald keinen Platz haben soll!

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1) Dieser Kommentar wurde heute gegen 12.25 Uhr im Rahmen der Sondersendung zum 01. Mai wegen des NPD-Aufmarsches auf radio 98eins gesendet. Ca. 60 Leute haben ihn im Livestream gehört. Wie viele ihn über UKW gehört haben, kann man nicht sagen.
2) Wer die gesamte Sondersendung hören möchte, klicke hier.
3) Dieser Artikel hat den zweiten Preis beim “KEP-Nachwuchsjournalistenpreis für engagierte Berichterstattung”erhalten. Bericht siehe: hier.
4) Ein kurzer Überblick über die Geschehnisse vom 01. Mai gibts beim NDR hier:
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Hier noch einige Bilder vom 01. Mai, die auch für sich sprechen…

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Antworten

  1. Stark!

  2. dem ist nichts hinzuzufügen. Aber man muss sich nicht alles gefallen lassen.

  3. Ich finde den Text gut, er passt gut zu dem Motto christlich, kritisch, quergedacht…und hatt mich zu Tränen gerührt.

  4. [...] auch nicht. Die NPD, vertreten durch Michael Gielnik, will nicht detailliert antworten, weil durch mein Kommentar zum 01. Mai auf radio 98eins „keine objektive Berichterstattung“ erwartet werden [...]


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